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DVR-Kolloquium „Besser geschützt im Sattel“

6. Dezember 2018 – Seit etwa zehn Jahren stagniert die Zahl der getöteten Radfahrer. Innerorts musste nahezu jeder Vierte sein Leben lassen, als er mit dem Rad unterwegs war. Grund genug für den DVR sich die Frage zu stellen: Woran liegt das? Wie sieht die Lösung des Problems aus? Das Kolloquium des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) in Berlin betrachtete die Herausforderungen für einen sicheren Radverkehr aus verschiedensten Blickwinkeln. Bei einer Maßnahme waren sich alle einig: Die Infrastruktur muss fahrradfreundlicher werden.

Bereits in seinem Grußwort erklärte DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf, dass der Straßenraum selten sinnvoll verteilt und damit ein geordnetes Miteinander schwer möglich sei. Aus diesem Grund plädierte er für eine entsprechende Anpassung der Straßenverkehrsordnung (StVO). Gleichzeitig warnte Eichendorf davor, dass sich einzelne Gruppen wie Rad Fahrende oder Auto Fahrende gegenseitig an den Pranger stellen. „Das hilft nicht weiter. Menschen sind nun einmal mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs und sollten sich deshalb in die verschiedenen Perspektiven hineinversetzen“, so der Präsident. Sein Wunsch an das Kolloquium: Die Signale zu stellen, wie in Deutschland sicherer Rad gefahren werden kann.

Mehr Informationen über den Beschluss Sicherheit im Radverkehr verbessern

Karola Lambeck, Radverkehrsbeauftragte des BMVI, kündigte Förderprogramme in siebenstelliger Höhe an. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Karola Lambeck, Radverkehrsbeauftragte des BMVI, kündigte Förderprogramme in siebenstelliger Höhe an. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Bundesverkehrsministerium fördert Sicherheit im Radverkehr mit Förderprogrammen

Input dazu gab es von vielen Experten. Karola Lambeck, Radverkehrsbeauftragte des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) berichtete, dass die Bundesregierung den Bau von Radschnellwegen vorantreiben wolle. Damit wolle man mehr Menschen ermutigen, aufs Fahrrad umzusteigen und sich dabei sicher zu fühlen. Das Rad solle zur Alltagsmobilität gehören. Zudem wies sie auf etliche Förderprogramme hin, die das BMVI plane, um die Verkehrssicherheit zu stärken. Eines davon richte sich an den freiwilligen Einbau von Abbiegeassistenten in Deutschland. Um den verpflichtenden Einsatz dieser technischen Hilfsmittel zu erreichen, müssten jedoch europäische Vereinbarungen getroffen werden. Dafür setze sich das BMVI vehement ein.

Dooring-Unfälle vermeiden - das wünscht sich Gerrit Reichel, Pressesprecher des ACV. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Dooring-Unfälle vermeiden - das wünscht sich Gerrit Reichel, Pressesprecher des ACV. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Radverkehr sicherer machen betrifft die gesamte Gesellschaft

In seinem Grußwort erklärte Burkhard Stork, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC), der das Kolloquium ideell unterstützt hatte, dass die Radinfrastruktur großflächig gebaut werden müsste. Es handele sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Vorhaben. Gerrit Reichel, Pressesprecher des Automobil-Club Verkehr (ACV) – ebenfalls Partner des Kolloquiums – wies auf die Problematik der Dooringunfälle hin, die man in den Griff bekommen müsse.

Der Radverkehr muss bei allen Planungen mitgedacht werden, findet Marcel Schreiber von der UdV. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Der Radverkehr muss bei allen Planungen mitgedacht werden, findet Marcel Schreiber von der UdV. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Radverkehr bei der Infrastruktur permanent mitdenken

Aktuelle Unfallzahlen, häufige Unfallszenarien und Lösungen zur Vermeidung von Unfällen präsentierte Marcel Schreiber von der Unfallforschung der Versicherer (UdV). Um die Zahl Getöteter und Verletzter zu senken, sei es notwendig, Sichtbeziehungen unter den Verkehrsteilnehmern herzustellen, die Komplexität der Infrastruktur zu reduzieren und Radfahrer vor Abbiegern zu schützen. Gelingen könne das nur, wenn die Belange des Radverkehrs permanent berücksichtigt und mit geplant würden.

ADFC plädiert für getrennte Radwege

Burkhard Stork plädierte in seinem Vortrag für getrennte Radwege. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Burkhard Stork plädierte in seinem Vortrag für getrennte Radwege. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Radfahrer vom motorisierten Verkehr trennen – diese Botschaft vermittelte Burkhard Stork leidenschaftlich in seinem Vortrag. Wer wolle, dass mehr Menschen Rad fahren, müsse dafür sorgen, dass sie sich dabei subjektiv sicher fühlten. Das gelänge nur, wenn die zuständigen Akteure nicht länger auf objektiven Verkehrssicherheitskriterien beharrten, sondern auch das subjektive Sicherheitsgefühl mitdächten. Nach Auffassung des ADFC gelingt das am besten mit getrennten Radwegen.

Verkehrssicherheit konkret: Aus dem Alltag der Berliner Fahrradstaffel

Von den Unfallrisiken für Radfahrer im Alltag berichtete Kay Biewald, Mitglied der Fahrradstaffel bei der Berliner Polizei. Foto: Jürgen Gebahrdt/DVR
Von den Unfallrisiken für Radfahrer im Alltag berichtete Kay Biewald, Mitglied der Fahrradstaffel bei der Berliner Polizei. Foto: Jürgen Gebahrdt/DVR
Ganz konkret wurde Kay Biewald, Mitglied der Berliner Fahrradstaffel der Polizei. Er berichtete aus seinem Arbeitsalltag in Berlin. Riskante Situationen für den Radverkehr ergäben sich teilweise aus einer unzureichenden Infrastruktur. Allerdings sei auch das Verhalten der Verkehrsteilnehmer häufig Ursache für Unfälle – z.B. wenn das Fahrrad nicht verkehrssicher sei oder Radelnde das Handy oder Tablet nutzten. Falschparkende und abgelenkte Autofahrer seien ebenfalls ein Risiko im Straßenverkehr.

Infrastruktur als wichtigste Maßnahme für mehr Radsicherheit

Rad fahren muss auch Spaß machen, erklärte Radprofessorin Ineke Spapé von der Universität Breda, Niederlande. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Rad fahren muss auch Spaß machen, erklärte Radprofessorin Ineke Spapé von der Universität Breda, Niederlande. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Ineke Spapé, Radprofessorin an der Universität Breda, bot einen Blick ins Nachbarland Niederlande. Dort spiele Verkehrssicherheit beim Radeln in der öffentlichen Diskussion kaum mehr eine Rolle. Man habe die dafür nötige Infrastruktur bereits geschaffen. Vielmehr ginge es darum, Städte lebenswert zu gestalten und Spaß am Radeln zu haben. Ihr Tipp für Deutschland: Investitionen in die Infrastruktur – dann klappe es auch mit der Sicherheit.

Plädoyer für mehr Gleichstellung von Rad Fahrenden

Radfahrer müssten Autos und Lkw gleichgestellt werden, findet Gunnar Fehlau vom Pressedient Fahrrad. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Radfahrer müssten Autos und Lkw gleichgestellt werden, findet Gunnar Fehlau vom Pressedient Fahrrad. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad zeigte pragmatische Beispiele, wo es in der Verkehrssicherheit für Radfahrer in Deutschland hapert. Ob unübersichtlicher Schilderwald oder Autofahrer, die Radelnden die Vorfahrt nehmen – es gäbe viel zu tun, um den Radverkehr dem motorisierten Verkehr gleichzustellen.

Arne Koerdt vom baden-württembergischen Verkehrsministerium plädierte für eine Änderung der StVO. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Arne Koerdt vom baden-württembergischen Verkehrsministerium plädierte für eine Änderung der StVO. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Fahrradfreundliche Rahmenbedingungen schaffen – Plädoyer für eine Änderung der StVO

Bevor Arne Koerdt vom Baden-Württembergischen Verkehrsministerium verdeutlichte, warum und wie sich die Straßenverkehrs-Ordnung und die dazugehörige Verwaltungsvorschrift ändern müsse, sorgte  DVR-Radverkehrsreferent Rudolf Bergen für Unterhaltung. Mit einer Jonglage machte er spielerisch auf die Gefahren im Straßenverkehr für Rad Fahrende aufmerksam. Gleichzeitig entlarvte er riskante Verhaltensweisen und appellierte daran, vorausschauend zu fahren.

Mehr Fahrrad-Sicherheitstrainings in Betrieben ist für Oliver Fischer von der VBG ein Schritt zu mehr Sicherheit im Radverkehr. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Mehr Fahrrad-Sicherheitstrainings in Betrieben ist für Oliver Fischer von der VBG ein Schritt zu mehr Sicherheit im Radverkehr. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Sicherheitstrainings für mehr Sicherheit auf dem Weg zur Arbeit

Mit dem Rad zur Arbeit fahren – diese Möglichkeit nutzen viele. Allerdings ereignen sich laut Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) dabei besonders viele Unfälle. Was kann helfen? Sicherheitstrainings in Betrieben beispielsweise. Oliver Fischer, zuständiger Vertreter der VBG, plädierte dafür und verdeutlichte seine Einstellung anhand von Zahlen: Demnach seien fast 50 Prozent derjenigen, die bei der VBG versichert seien und auf dem Weg von und zur Arbeit verunglückten, Rad Fahrende.

Abschlussstatement von DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf: Beim Helm wolle er keine Kompromisse eingehen. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR
Abschlussstatement von DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf: Beim Helm wolle er keine Kompromisse eingehen. Foto: Jürgen Gebhardt/DVR

Keine Helmpflicht aber dennoch keine Kompromisse

Wie kann Deutschland sicherer Radfahren? Angesichts der Herausforderungen sei der siebenstellige Betrag des BMVI für die Förderung von mehr Sicherheit im Radverkehr bitter nötig, befand DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf. In seinem Schlusswort ging er auf die einzelnen Vorträge ein. Vor allem aber betonte er, dass er beim Helmtragen keine Kompromisse machen werde. Einen Helm zu tragen sei die optimale individuelle Sicherheitsstrategie, um Unfallfolgen zu mildern. Damit es überhaupt nicht erst zu einem Unfall komme, müsse deutlich in die Infrastruktur investiert werden.





Alle Präsentationen stehen als PDF zum Download bereit

Download:

pdf Präsentation Marcel Schreiber (UDV): Wie (un)sicher ist der Radverkehr? (3,8 MB)

pdf Präsentation Burkhard Storck (ADFC): Straße für alle? (12,6 MB)

pdf Präsentation Kay Biewald (Polizei Berlin): Sind Fahrrad Fahrende eher gefährlich oder gefährdet? (1,3 MB)

pdf Präsentation Ineke Spape (RWTH Aachen): Radfahren: it‘s NOT about SAFETY ...
(3,1 MB)

pdf Präsentation Oliver Fischer (VBG): Praxisbeispiel
Prävention von Radverkehrsunfällen (1,3 MB)

pdf Präsentation Gunnar Fehlau (pd-f): Mit dem Fahrrad Richtung Zukunft (1,3 MB)

pdf Präsentation Arne Koerdt (Ministerium für Verkehr, Baden-Württemberg): Vorfahrt für Fahrrad und Pedelec? (2,1 MB)