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Im Blickpunkt

 

Wie sieht der Weg in eine verkehrssichere Zukunft aus?

Die Herausforderungen der multimobilen Fortbewegung

Mobil zu sein bedeutet heutzutage mehr als nur von A nach B zu kommen. Nicht nur für ältere Menschen ist Mobilität eine wichtige Voraussetzung der sozialen Teilhabe und der Selbstverwirklichung. Und selbstverständlich wird erwartet, dass sie nicht nur bequem, sondern auch sicher ist. Die bestehenden Mobilitätsangebote entscheiden mit darüber, ob Menschen ihre beruflichen und privaten Ziele erreichen, ihre Lebensqualität steigern können. Das heißt, Menschen wollen, sie müssen aber auch mobil sein.

Individualisierter Straßenverkehr
Der Trend zunehmender Individualisierung bestimmt auch den Wandel der Mobilität und die Nachfrage nach neuen Mobilitätsangeboten. Unsere moderne Welt ist geprägt von einem wachsenden Mobilitätsbedarf und bedingt dadurch von einer zunehmenden Vielfalt an Mobilitätsformen. Knapp 1,2 Billionen Personenkilometer legten die Deutschen im Jahr 2017 zurück – mit dem Pkw, mit Bus, Bahn und Flugzeug. Der motorisierte Individualverkehr trägt nach wie vor den Löwenanteil und liegt bei rund 950 Milliarden Personenkilometern. Insgesamt verzeichnet der Personenverkehr in der Bundesrepublik seit dem Jahr 2000 einen Anstieg um über elf Prozent. Nach Prognosen der Europäischen Kommission wird der Mobilitätsbedarf in den nächsten Jahrzehnten weiterhin kontinuierlich ansteigen.

Neue Mobilitätsangebote
Bleibt das Auto auf absehbare Zeit das Verkehrsmittel Nummer eins? In Anbetracht der multimobilen Fortbewegungsangebote – besonders in unseren Städten – kann das bezweifelt werden. Das eigene Auto, das lange Zeit für viele Deutsche ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit war, ein Ausdruck der Persönlichkeit und des sozialen Status, verliert seine Vorteile und sein Prestige gegenüber anderen Verkehrsmitteln. Komfortabel und zügig voranzukommen, gelingt angesichts überfüllter Straßen und staugeplagter Städte schon längst kaum noch.

Neben den Angeboten des ÖPNV boomen Sharing-Modelle, ob mit dem Auto oder zunehmend auch mit dem Fahrrad. Und Pedelecs liegen voll im Trend. Längere Strecken oder Steigungen lassen sich mühelos zurücklegen. Die elektrisch unterstützten Fahrräder sind in vielen Varianten erhältlich, sowohl als City- oder Trekkingrad, aber auch als Mountainbike oder Lastenrad. Die Nutzergruppe verjüngt sich zunehmend, die modernen Zweiräder punkten vor allem mit Fahrspaß, technischer Reife und neu gewonnener Mobilität. Das spiegelt sich auch in den Absatzzahlen wider. Mittlerweile werden über 800.000 Pedelecs pro Jahr verkauft. Aktuell fahren mehr als vier Millionen Pedelecs auf unseren Straßen, mit weiter steigender Tendenz.

Elektrokleinstfahrzeuge
Demnächst sollen zudem Elektrokleinstfahrzeuge (EKF) auf unseren Straßen und Radwegen unterwegs sein. In US-amerikanischen und immer mehr europäischen Metropolen sausen Verkehrsteilnehmende neuerdings auf Elektro-Rollern (motorisierte Tretroller) zur U-Bahn oder ins Büro. Nun sollen die schnellen E-Scooter auch deutsche Städte erobern. Sie verfügen über eine Lenker­stange, zwei Räder, dazwischen das Brett zum Draufstellen. Mit einem Fuß stößt man sich vom Boden ab und fährt mit Stromunterstützung los. Tragen diese neuen Fahrzeuge zum modernen Mobilitätsmix bei oder sind sie eine Gefahr für den Straßenverkehr? „Für den DVR sind Elektrokleinstfahrzeuge eine sinnvolle Ergänzung im Mobilitätsmix, sie dürfen aber ungeschützte Verkehrsteilnehmende nicht gefährden“, sagt DVR-Präsident Prof. Dr. Walter Eichendorf.

Auch der Boom bei den Pedelecs hat eine Kehrseite, nämlich die Zahl der Unfallopfer. In der Unfallforschung wird festgestellt, dass der Radverkehr nicht vom allgemeinen rückläufigen Trend von Unfällen mit Personenschaden profitiert. Seit 2010 stagniert beziehungsweise steigt die Anzahl der Getöteten, Schwer- und Leichtverletzten, die dem Radverkehr zuzuordnen sind. Pedelecs machten 2018 etwa fünf Prozent am Fahrradbestand aus. Gleichzeitig waren jedoch rund neun Prozent der verunglückten Radfahrenden auf einem Pedelec unterwegs. Bei den Getöteten lag der Anteil sogar bei circa 20 Prozent.

Wem gehört die Straße?
In Zeiten einer zunehmenden Anzahl von Pkw, überlasteter Innenstädte, neuer Elektrokleinstfahrzeuge und immer höheren Zeitdrucks für alle Verkehrsteilnehmenden stellt sich drängend die zentrale Frage: Wem gehört die Straße? Darauf kann es nur eine Antwort geben: Die Straße ist für alle da, es darf nicht Verkehrsteilnehmergruppen erster und zweiter Klasse geben. Allerdings muss das Nebeneinander verschiedener Verkehrsteilnehmergruppen anders organisiert werden. Jahrzehntelang stand bei Stadtplanungen der Pkw im Fokus. Die Rahmenbedingungen und Anforderungen an sichere und lebenswerte Städte haben sich jedoch radikal verändert. Dem muss Rechnung getragen werden. Der DVR regt daher eine gesellschaftliche Diskussion über die gerechte Aufteilung des Straßenraumes an. Knackpunkt aus Sicht des DVR-Präsidenten ist aber die überfällige Aufteilung des Straßenraums durch die Kommunen und Landkreise. Radwege müssten so gestaltet werden, dass alle, die sie nutzen, sicher ankommen. Konkret bedeute das, die Breiten von Radwegen, Schutzstreifen und Radfahrstreifen anzupassen. „Es muss möglich sein, sich auf diesen Wegen gefahrlos zu überholen. Zudem müssen insbesondere Kreuzungssituationen für alle Verkehrsteilnehmer sicher gestaltet werden.“

Anpassung der Infrastruktur
Demnach sieht der DVR-Präsident alle politisch Verantwortlichen, vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) über die Länder bis zu den Kommunen, gefordert, sich gemeinsam für eine sichere Infrastruktur für alle Verkehrs­teilnehmenden einzusetzen. „Wer mehr Alternativen zum Kfz-Verkehr anbieten möchte, wie Elektrokleinstfahrzeuge oder das Fahrrad, muss den Straßenraum anpassen und neu aufteilen“, fordert Eichendorf. Das bedeute, dass zum Beispiel die aktuelle Novellierung der Empfehlungen für Radverkehrsanlagen (ERA) den zunehmend dichteren Verkehr, auch durch EKF, berücksichtigen und die Mindestbreiten von Radverkehrsanlagen gegebenenfalls auch erhöhen müsse. Das könne dann auch zu Lasten des Kfz-Verkehrs gehen.

Gute Straßen in Stadt und Dorf
Es geht also darum, gute und sichere Straßen zu schaffen. Die Kunst des Entwerfens führt aber nicht zwangsläufig zu funktional gelungenen, gut gestalteten und verkehrssicheren Straßen, Plätzen und Verkehrsanlagen. Die geltenden Entwurfsregelwerke lassen notwendigerweise Spielräume zu und entsprechen je nach Ausgabejahr nicht unbedingt dem aktuellen State of the Art. Der Abwägungsprozess im Zuge von Entwicklungsplanungen bringt vielfältige, teils widersprüchliche Anforderungen mit sich. Bei Berücksichtigung von Wirtschaftlichkeitsaspekten und spezifischen Interessen können relevante Qualitätsmerkmale im Hinblick auf Verkehrssicherheit und Straßenraumgestalt verloren gehen.

Vor diesem Hintergrund hat der DVR bereits vor über zwei Jahren Prof. Karl Heinz Schäfer (Technische Hochschule Köln) damit beauftragt, eine Beispielsammlung aufzubauen, mit der gut gestaltete Straßen und Plätze in Deutschland bekannt gemacht werden sollen. In der kostenfrei verfügbaren Sammlung (www.dvr.de/gutestrassen) sind inzwischen elf umgebaute Straßen und Plätze ausführlich dokumentiert. Die Sammlung wird in diesem Jahr um weitere gelungene Beispiele ergänzt.

Gut gestaltete Straßen werden übrigens oft auch als „schöne“ Straßen wahrgenommen. Es sind Straßen, in denen man sich gerne aufhält, in denen Kinder gerne ihren Schulweg zu Fuß gehen und auch Einkäufe gerne zu Fuß oder mit dem Fahrrad getätigt werden. Ältere Menschen können hier ihre Wege unterbrechen, um eine Pause einzulegen.

Nur wenn es gelingt, die Infrastruktur den aktuellen Gegebenheiten und zukünftigen Herausforderungen multi­funktionaler Mobilität anzupassen, kann es ein sicheres Miteinander verschiedener Verkehrsteilnehmergruppen geben. Und nicht zuletzt sind wir alle gefragt, uns rücksichtsvoll und partnerschaftlich zu verhalten.

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