Menu Suche
 

Interview

 

„Menschen, die Verkehrsdelikte begehen, halten sich nicht an soziale Regeln“

Der Bonner Psychologieprofessor Rainer Banse über eine Studie, die Zusammenhänge von verkehrsauffälligem und kriminellem Verhalten untersucht, und welche Präventionsansätze sich daraus ergeben

DVR-report: Herr Professor Banse, was wurde in der Studie über verkehrsauffällige Personen untersucht?
Prof. Banse:
In der Doktorarbeit von Achim Roth ging es um Unfallverursacher. Dahinter stand die Idee, einmal zu schauen, ob Unfallverursacher häufiger kriminelles oder niederschwelliges dissoziales Verhalten gezeigt haben, das der Polizei bekannt ist. Oder umgekehrt, ob Menschen, die kriminelles Verhalten gezeigt haben, häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt sind oder mehr Verkehrsstraftaten begangen haben als andere Verkehrsteilnehmer.
Untersucht wurden also Personen, die einen Unfall verursacht haben, das müssen aber nicht zwingend notorische Regelverletzer sein. Auch wenn eine Verkehrsunfall-Straftat zur Last gelegt wird, lässt das nicht immer auf ein riskantes Fahrverhalten schließen.
Allerdings enthält die untersuchte Gruppe „VerkehrsunfallStraftat“ auch Alkohol- und Drogenunfälle, ebenso wie eine Flucht von der Unfallstelle. Ob bei den Unfällen mit Personenschaden ein gefährliches oder riskantes Fahrverhalten zugrunde lag, war nicht Teil der Untersuchung. Resultierend daraus, dass Herr Roth selbst Polizist ist, hat er die Erlaubnis bekommen, mit der Polizeidatenbank eines ganzen Regierungsbezirkes zu arbeiten – natürlich mit anonymisierten Daten. Mithin konnte er auch das Verhalten der Menschen untersuchen, die unterhalb einer Verurteilung liegen, nämlich Verdächtige von Straftaten, sowie von Vorfällen, die unterhalb der Straftatenschwelle liegen, wie Ruhestörungen und Streitigkeiten. Er konnte die Unfalldaten mit den Delinquenzdaten auf polizeilichem Niveau verbinden, und das ist ein sehr interessanter Ansatz. Die Kriminologie arbeitet in der Regel mit Verurteilungen, die aber nur einen kleinen Anteil der tatsächlichen Straftaten ausmachen. Herr Roth hatte somit die Möglichkeit, auch mit den unterhalb des Radars der Justiz befindlichen Verhaltensweisen zu arbeiten. Und dort werden dissoziale Verhaltensmuster viel besser sichtbar als in einem Fall extremer Kriminalität, der ja nur die Spitze des Eisberges widerspiegelt.

DVR-report: Neigen Personen, die im Straßenverkehr auffällig werden, generell oder in Teilen zu kriminellem Verhalten außerhalb des Straßenverkehrs?
Prof. Banse:
Wir haben tatsächlich herausgefunden, dass Menschen, die Unfälle verursacht haben, viel häufiger auch andere Kontakte mit der Polizei durch kriminelles Verhalten hatten als die anderen Unfallbeteiligten. Dies war recht deutlich.

DVR-report: Können Sie das in Zahlen ausdrücken?
Prof. Banse:
In den Ergebnissen der Studie zeigen sich verschiedene Risikostufen: Wer einen Verkehrsunfall verursacht hat, für den erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um das 1,5-Fache, erneut polizeilich registriert zu werden. Wurden dabei Personen verletzt, waren Alkohol oder Drogen im Spiel oder ist der Verursacher vom Unfallort geflohen, steigt das Risiko für eine erneute Registrierung um das 2,4-Fache. Werden nur Auffälligkeiten wie Ruhestörung oder Streitigkeiten berücksichtigt, die noch keine Straftaten darstellen, steigt die Wahrscheinlichkeit, nach einem verursachten schwerwiegenderen Unfall erneut Bekanntschaft mit der Polizei zu machen, auf das bis zu 4,6-Fache.

DVR-report: Wirkt sich kriminelles Verhalten umgekehrt auch auf Auffälligkeiten im Straßenverkehr aus?
Prof. Banse:
Das war unsere Hypothese und stützte sich auf internationale Studien, in denen man in großen Interview-Studien mit vielen tausend Teilnehmern gezeigt hatte, dass Menschen, die schon einmal wegen Straftaten verurteilt wurden, häufiger in Unfälle verwickelt waren oder diese verursacht haben. Dies konnte in der Untersuchung von Herrn Roth nicht empirisch nachgewiesen werden. Bei über 800 Verdächtigen eines Diebstahls oder Eigentumsdelikts konnte nicht festgestellt werden, dass sie häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt waren. Das kann damit zusammenhängen, dass insbesondere die etwa 100 Personen, bei denen der Verdacht eines besonders schweren Diebstahls oder Einbruchs bestand, auch häufiger in Haft waren und eventuell gar kein Auto besitzen. Und dies wirkt sich in der Studie wie ein Schutzfaktor aus.
Wir konnten tatsächlich nur feststellen, dass Leute, die wegen Diebstahlkriminalität verdächtig waren, häufiger auch Verkehrsstraftaten begangen haben, in Form von Fahren ohne Führerschein oder Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Da gab es eine vier- bis fünffach höhere Wahrscheinlichkeit. Eine erhöhte Verwicklung in Verkehrsunfälle konnten wir nicht nachweisen.

DVR-report: Welche weiteren zentralen Ergebnisse ergeben sich aus der Untersuchung?
Prof. Banse:
Ich denke, diese Untersuchung wirft ein neues Licht auf das Phänomen „Verkehrsdelikt“. Das wird in meinen Augen häufig zu eng gesehen, ähnlich wie aggressives Verhalten im Straßenverkehr. Es ist sinnvoll, das als eine spezielle Form von dissozialem Verhalten zu betrachten. Wir versuchen es wertfrei zu formulieren: Menschen, die Verkehrsdelikte begehen, halten sich nicht an soziale Regeln, übertreten Gesetze oder begehen kriminelle Delikte. Dies konnte Herr Roth sehr deutlich hervorheben.

DVR-report: Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Studie für die Arbeit der Polizei beziehungsweise des Gesetzgebers?
Prof. Banse:
In meinen Augen ist es eine immerwährende Herausforderung, gegen Kriminalität vorzugehen, aber keine lösbare Aufgabe. Kriminelles Verhalten kann man nicht verhindern. Natürlich sollte man sich für die Verkehrssicherheit die Frage stellen, ob man, wenn man solche dissozialen Verhaltensmuster erkennt, nicht aktiv werden muss. Wenn Personen dazu neigen, ständig kriminelle Delikte zu begehen, kann es sinnvoll sein, die Fahreignung dieser Person zu überprüfen.
Möglicherweise kann auch der Informationsaustausch zwischen Polizei und Führerscheinbehörden hinsichtlich der charakterlichen Eignung bei Fahrerlaubnisinhabern verbessert werden.

DVR-report: Ergeben sich unter diesen Vorzeichen überhaupt mögliche Präventionsmaßnahmen?
Prof. Banse:
Ein Stück weit müssen wir uns mit dieser Situation abfinden. Aber es stellt sich schon die Frage: Können wir entsprechende Maßnahmen ergreifen, Menschen, die nicht fahrgeeignet sind, vom Straßenverkehr auszuschließen? Hier sollte man dennoch realistisch sein. Selbst wenn die Fahreignung überprüft wird und die Verkehrsbehörde zu der Entscheidung kommt, die Person als „nicht fahrgeeignet“ einzustufen und den Führerschein einzieht, zählt die Person vielleicht zu der Gruppe, die sich sowieso nicht regelkonform verhält und dann ohne Fahrerlaubnis weiterfährt. Hier ist die Macht der Behörden eingeschränkt. Sinnvoll erscheint aus psychologischer Sicht eher, eine „Verkehrstherapie“ zu verordnen oder zu intervenieren, um das Verhalten der Person zu ändern.

DVR-report: Wann müsste mit einer solchen Intervention begonnen werden?
Prof. Banse:
Man könnte bereits in der Fahrausbildung damit beginnen. Wir haben hierzu auch eine Studie durchgeführt, in der Fahranfänger untersucht wurden. Wir konnten eine ganze Menge Einstellungsmuster erfassen wie beispielsweise die Einstellung zum Führerschein, Respektieren der Verkehrsregeln etc. Der in unserer Studie stärkste Prädiktor für spätere Verkehrsdelikte war eine emotionale Überbewertung des Führerscheins. Wenn Fahranfänger hofften, mit der Fahrerlaubnis ihre persönlichen Probleme positiv beeinflussen zu können, zum Beispiel eine stärkere Anerkennung bei ihren Altersgenossen. Fazit ist, dass diese Gruppe am Ende deutlich mehr Verkehrsdelikte begangen hat. Dieses Ergebnis hat uns überrascht, denn aus der Literatur ging das so bisher nicht hervor. Da ist immer die Rede von Risikosuche und Aggression. Diese beiden Faktoren spielten in unserer Studie aber keine Rolle für die Prädiktion späterer Verkehrsdelikte.

Interview: Sven Rademacher

Neigen Verkehrsrowdys zu kriminellem Verhalten?

Studie der Uni Bonn: Rücksichtsloses Verhalten erhöht das Risiko für weitere Polizeikontakte

Wer sich im Straßenverkehr nicht regelkonform verhält, schert sich häufig auch nicht so sehr um andere Normen. Zwischen Unfallverursachung und polizeilichen Registrierungen bei sonstigen Regelverstößen gibt es einen statistischen Zusammenhang. Wer etwa einen Verkehrsunfall verursacht, der zu einem Personenschaden führt, oder dabei unter Alkohol oder Drogen steht, hat ein fast um das Fünffache erhöhtes Risiko, erneut mit der Polizei Bekanntschaft zu machen. Das hat der Kriminologe Dr. Achim Roth in seiner Dissertation „Zusammenhänge zwischen der Verursachung von Verkehrsunfällen und dissozialem/kriminellem Verhalten“ bei Professor Dr. Rainer Banse vom Institut für Psychologie der Universität Bonn herausgefunden.

Die Studie ist bislang in Deutschland in diesem Umfang einmalig. Der Wissenschaftler untersuchte anhand von Tätigkeitsberichten der Polizei auch Vorgänge unterhalb der Straftatenschwelle, wie zum Beispiel Ruhestörung, Streitigkeiten und Ordnungswidrigkeiten.

Dr. Roth ist Polizeibeamter und lehrt an der Hochschule der Polizei in Baden-Württemberg in Bruchsal unter anderem im Bereich Verkehrsrecht.

Professor Dr. Rainer Banse

Rainer Banse ist seit 2007 Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 2001 habilitierte er an der Humboldt Universität zu Berlin.

Sein Hauptforschungsinteresse liegt in der Entwicklung und Validierung indirekter Mess­verfahren in der Sozial- und Rechtspsychologie.

Seit 2002 hat er mit verschiedenen Kooperations­partnern zahlreiche verkehrspsychologische Forschungs- und Evaluationsprojekte durchgeführt.
 

nach oben